Programm

Ausstellung Rahel Müller: "reflecting"

5. September 2010 15:00 bis 09. Oktober 2010

Die Thurgauer Künstlerin Rahel Müller bespielt das traditionelle Sommeratelier im neuen shed mit „reflecting“. Die doppelte Wortbedeutung im Sinne von „spiegeln“ und „nachdenken“ umreisst die Spannweite mehrerer Installationsgruppen, die während einer siebenwöchigen Atelierzeit in der 500 m2 grossen Shedhalle entstanden sind. In den unterschiedlichsten Medien wie Malerei, Fotografie, Text, Installation und Performance nähert sich die Künstlerin ihrem Ausstellungsthema. Die entstandenen Arbeiten sind geprägt von subtiler Sinnlichkeit und verdichteter Kraft; es sind die leisen und poetischen Zwischentöne zum Alltäglichen, die sie mit ihren Arbeiten auslotet.

Das Motiv „Spiegel“ erscheint im Sommeratelier als Symbol des Übergangs in eine andere Realität, als Grenze zwischen psychischem und physischem Raum, die durch die reflektierende Projektion unauflöslich ineinander fällt. Spiegel sind traditionell in vielen Kulturen die Zone des Übergangs von einer Welt zur anderen, und Übergangszonen in unterschiedlichen Bedeutungen interessieren die Künstlerin in ihrer Arbeit immer wieder neu.

Es finden sich daher auch in der jetzigen Ausstellungssituation zahlreiche Übergangszonen. So wird bereits das Betreten der Halle der Übergang von aussen nach innen thematisiert und zelebriert. Gelangt man in die Ausstellung doch nicht wie gewohnt durch das grosse stählerne Schwingtor der Shedhalle, sondern durch einen verspiegelten engen Seiteneingang. Lässt man diesen Seitentunnel hinter sich, betritt man im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Realität, einen poetischen Gegenraum.

Hunderte von kleinen runden Spiegelplättchen bilden an einer Hallenwand eine Spiegelwolke, die das einfallende Licht in die gesamte Halle streut. Je nach Lichteinfall wird somit in der Halle eine sich ständig im Wandel befindliche, sich auflösende und neu bildende Lichtlandschaft gezeichnet.

Analog zur Spiegelwolke fangen zahlreiche mit Wasser gefüllte Gefässe den Lichteinfall vom Sheddach ein und ziehen den Blick auf den Boden. Fast meint man, das Modell einer surrealen Stadt vor sich zu haben, die vor sich hindunstet.

Weisse Vliesbahnen bilden um die Hallenmitte einen halbtransparenten Raum im Raum. Wenn auch alle sorgfältig arrangierten Inszenierungen die Reflektion, die Transparenz, die Erinnerung, die Verdichtung aber auch deren Auflösung thematisieren, so bildet diese weisse, transparente, nach oben offene „Camera Illuminata“ den Nukleus der Ausstellung – wird hier doch der Übergang, die Grenze und deren Auflösung, der Blick nach innen und aussen konkret physisch erfahrbar. Wer den inneren Raum betritt, malt mit, denn mit den Fussspuren, die man beim Gehen hinterlässt, verändert sich das weisse Bodenbild zu einer ebenfalls sich auflösenden Zone.

Rahel Müller spielt in ihren Installationsgruppen mit den unterschiedlichsten Medien, doch auch wenn sie Text, Fotografie und Projektionen in ihre sorgfältig arrangierte Rauminstallationen integriert, geschieht dies immer mit dem Blick einer Malerin. Es herrscht eine grundsätzliche Ambivalenz, die zwar nicht das Ausgangsmedium verleugnet, aber eher an der Kombination verschiedener Ansätze zu einer neuen Einheit interessiert ist. Dies lässt sich beispielsweise an den schemenhaft reduzierten Porträts einer Klasse von Collegeabsolventinnen von 1957 ablesen. Rahel Müller hat die Porträts im Internet gefunden, digital bearbeitet und schliesslich leicht übermalt. Fragen nach Identität und Original, ein inhärentes Element des klassischen Spiegelmotivs, erhalten durch der Verschmelzung unterschiedlicher Medien eine weitere Bedeutungsebene. Je nach Blickwinkel erkennt man die Gesichter oder sieht nur den Glanz der Bilderoberflächen.

Rahel Müller schafft mit reflecting einen Gegenentwurf, in der alten Maschinenhalle geht es plötzlich leise zu, fast beginnt man zu flüstern, man befindet sich in einer Spiegelwelt, in der die Uhren leiser und langsamer zu ticken scheinen. Wie durch die verschwindenden Skizzen eines leicht surrealen Traumes bewegt man sich und erfährt die wechselnden Wirkungen von Licht im Raum. Vor allem aber bietet „reflecting“ dem Betrachter Raum, einerseits um eine entschleunigte, poetische Gegenrealität zu erfahren, andererseits aber auch um den eigenen physischen und psychischen Raum zu reflektieren.

Geöffnet freitags 17 -20 h, samstags 14 – 18 h und nach Vereinbarung 079 415 17 07

Kuratiert wird „reflecting“ von Ueli Vogt und Katja Baumhoff

Vernissage am 5. September 2010 um 15 Uhr; Performance und Shedbar am 17. September 2010 ab 20 Uhr; Finissage am 9. Oktober 2010 um 18 Uhr

Weitere Informationen: www.neuershed.ch